Ein Wasserprojekt mit Zukunft
Über 2.000 Hektar Obstbaufläche im Vinschgau werden neu mit Tropfbewässerung versorgt. Das Großprojekt des Bonifizierungskonsortiums Vinschgau gilt als Muster für effiziente Wassernutzung in Zeiten des Klimawandels. Vergangene Woche wurde es in Schlanders vorgestellt.
Wer heute durch die Obstwiesen im Einzugsgebiet des Bonifizierungskonsortiums Vinschgau fährt, sieht vielerorts immer weniger über die Baumkronen sprühende Beregnungsanlagen, sondern Leitungen und Tropfschläuche entlang der Baumreihen. Nach mehreren Jahren Planung und Bau hat das Konsortium die Umsetzung der Tropfbewässerungsprojekte auf über 2.000 Hektar Fläche abgeschlossen. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Modernisierung, die das Bewässerungssystem im Vinschgau grundlegend verändert. Das Einzugsgebiet des Konsortiums umfasst rund 8.600 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, auf über 8.300 Hektar wird mit mehr als 80 Beregnungsanlagen bewässert.
Umfangreiche Arbeiten zur effizienten Wassernutzung
In den vergangenen fünf Jahren wurde ein großer Teil dieser Infrastruktur erneuert und auf automatisierte Systeme umgestellt. „Ziel war es, Wasser gezielter und verlustärmer in die Kulturen zu bringen und die Anlagen gleichzeitig robuster gegenüber Trockenperioden und neuen klimatischen Extremen zu machen“, unterstreicht Gottfried Niedermair, der Direktor des Bonifizierungskonsortiums.Konkret wurden die Flächen mit Tropfbewässerung im Einzugsgebiet des Konsortiums auf 72 Prozent der dortigen Obstanbaufläche verdoppelt. Damit einher ging der Bau der Beregnungsanlage auf der Schludernser Ebene. Über dieses Kombinationsprojekt wurde auch die Stromerzeugung für die Gemeinde gesichert, eine Fischtreppe errichtet und das örtliche Biotop versorgt. Ein wichtiger Teil des Projektes war auch die Errichtung von neuen Zubringerleitungen und Speicherbecken zur Verbesserung der Wasserversorgung und zur Entlastung von kritischen Fließgewässern. Insgesamt hat das Projekt jährliche Wassereinsparungen von rund zehn Millionen Kubikmetern – von 40 Millionen auf 30 Millionen – gebracht.
Vom Fließkanal zur Tropfleitung
Die Tropfbewässerung ist heute im Vinschgau das primäre System im Obstbau: Auf 3.600 Hektar Obstbaugebiet besteht mittlerweile Tropfberegnung als Hauptbewässerung. Im Zuge der Projekte wurden Leitungsnetze, Filterstationen und Steuerungen so ausgebaut, dass jede Anlage bedarfsgerecht mit Wasser versorgt werden kann. Die Bewässerung läuft zeitlich genau gesteuert, viele Funktionen sind automatisiert. Für die Betriebe bedeutet das: weniger offene Wasserläufe, geringere Verdunstungsverluste und eine deutlich genauere Dosierung. Das Wasser gelangt direkt an die Wurzelzone, statt großflächig die gesamte Anlage zu berieseln. Gerade in längeren Hitze- und Trockenperioden lassen sich so die verfügbaren Ressourcen effizienter nutzen und die Erträge sichern.
Anpassung an Frost und Klima
Parallel zum Ausbau der Tropfbewässerung ist der Bedarf an Frostschutzbewässerung gewachsen. Späte Frühjahrsfröste haben in den vergangenen Jahren wiederholt Schäden verursacht, viele Obstbaubetriebe mussten nachrüsten. Das Bonifizierungskonsortium Vinschgau reagierte mit zusätzlichen Investitionen in Frostschutzsysteme, die auf die neue Infrastruktur aufbauen. Zum Auftrag des Konsortiums gehört auch die Entwässerung: Rund 100 Kilometer Entwässerungsgräben werden im Einzugsgebiet betreut. Die Modernisierung der Bewässerungsanlagen ist deshalb immer mit Blick auf das gesamte Wasserregime erfolgt – von der Zufuhr für die Kulturen bis zum sicheren Abführen von Überschusswasser bei Starkniederschlägen.
Finanzierung und Partner
Ohne Fördermittel wäre ein Projekt dieser Größenordnung nicht möglich. Den größten Anteil der Investitionsfinanzierung bilden staatliche Programme des italienischen Landwirtschaftsministeriums. Zusätzlich unterstützt das Land Südtirol die Bonifizierungskonsortien regelmäßig durch Investitions- und Betriebsbeiträge. Für die Landwirtschaft im Vinschgau ist das Bonifizierungskonsortium seit über 60 Jahren der wichtigste Partner im Bereich der Bewässerung. Ein zentraler Nutznießer der neuen Infrastruktur ist das Apfelanbaugebiet der Erzeugergenossenschaft VIP. Mit der Inbetriebnahme der modernen Systeme wird dort ein wichtiger Beitrag zum Schutz der landwirtschaftlichen Produktion geleistet.
Feierliche Eröffnung in Schlanders
Am 8. September hat das Konsortium den Abschluss der neuen Bewässerungsanlagen im Kulturhaus Schlanders offiziell gefeiert. Mit dabei war Francesca Coniglio vom Ministerium für Landwirtschaft, Lebensmittel und Forstwirtschaft. Die Landespolitik nutzte die Einweihung, um den Stellenwert des Projekts für den gesamten ländlichen Raum zu unterstreichen. Landeshauptmann Arno Kompatscher erinnerte daran, dass das Haushalten mit Wasser eines der großen Zukunftsthemen sein werde, es sei bereits heute ein zentrales Thema. „Das Klima verändert sich, die Vegetationszeiten und die Niederschlagsverteilung ebenso, es wird heißer und trockener. Entsprechend müssen wir die Infrastruktur anpassen“, betonte Kompatscher. Das Beispiel Vinschgau zeige, dass es möglich sei, die Wasserversorgung sicherzustellen, mit der Umstellung auf Tropfbewässerung Wasser einzusparen und gleichzeitig Umwelt und natürliche Ressourcen zu schonen. Nach Kompatscher lasse sich mit dem neuen System auch die Restwassermenge in den Fließgewässern besser gewährleisten, während die landwirtschaftliche Produktion Einkommen sichere und die Dorfgemeinschaften in den Tälern lebendig bleiben. Für Landwirtschaftslandesrat Luis Walcher ist der Vinschgau damit ein Vorzeigebeispiel: „Hier sind sehr wichtige Investitionen getätigt worden, um Tropfbewässerung und damit die Bewässerung der Zukunft zu ermöglichen – wassersparend und bedarfsgerecht“, unterstrich Walcher. Das Projekt könne eine Initialzündung für ganz Südtirol sein. Vom Vinschgau könne man sich vieles abschauen, was künftig in anderen Landesteilen notwendig werde.
Den Abschluss der Arbeiten für die Tropfbewässerung sieht Niedermair nicht als Abschluss, sondern bestenfalls als wichtiges Etappenziel. In einem Ausblick auf die kommenden Maßnahmen zählte er bei der Vorstellung in Schlanders die wichtigsten Vorhaben: die punktuelle Errichtung von Speicherbecken, die Errichtung von Filtersystemen zur Reinigung von verschmutztem Wasser, die Erweiterung der Frostbewässerungsanlagen, die technische Weiterentwicklung der Anlagen zur Optimierung der Wassernutzung und die Verbesserung der Messdaten. Von der Politik wünschte sich Niedermair eine klare Festlegung der Rahmenbedingungen, schnellere Genehmigungsverfahren, vermehrte Unterstützung für gemeinschaftliche Strukturen und die Bereitstellung der notwendigen Fördermittel. Seinen Ausblick schloss Niedermair mit einer persönlichen Erkenntnis, die er allen Anwesenden mit auf den Weg gab: „Der Klimawandel ist schneller als wir mit unseren Entscheidungen!“