Mit einigen Frühsorten und Gala hat die Apfelernte in Südtirol begonnen. Sie gibt Grund für (vorsichtigen) Optimismus.

Apfelsaison 2026/27: vielversprechend

Deutlich weniger Erntevolumen in Europa bei etwa stabilen Mengen in Südtirol: Die Ausgangslage für die beginnende neue Vermarktungssaison für Äpfel zeigt sich mit interessanten Marktchancen. Die beiden Verbände VIP und VOG sprechen dazu im Interview.

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Produktion Markt

EU-weit werden für die Apfelernte 2026 nur rund 9,5 Millionen Tonnen Äpfel erwartet, knapp 16 Prozent weniger als 2025 (siehe eigener Bericht auf Seite 45). Für Südtirol liegt die Prognose bei rund zwei Prozent unter dem Vorjahr. Gleichzeitig sinken europaweit gerade die Mengen der Hauptsorten Golden ­Delicious und Gala, während die ­Vertragssorten weiter zulegen. Das spricht für eine eher knappe ­europäische Versorgung und damit für grundsätzlich interessante Marktchancen. Vor diesem Hintergrund hat der „Südtiroler Landwirt“ mit dem Direktor der VIP, Martin Pinzger, und – wegen des bevorstehenden Wechsels von Direktor Walter Pardatscher zum Raiffeisenverband – dem Verkaufsleiter des VOG, Klaus Hölzl, über die aktuelle Ausgangslage und ihre Einschätzungen gesprochen. 

Südtiroler Landwirt: Herr Pinzger, Herr Hölzl, bevor wir auf die neue Ernte schauen: Wie fällt Ihre Bilanz der Verkaufssaison 2025/26 aus?
Martin Pinzger:
Wir müssen die abgeschlossene Saison unter zwei Aspekten beurteilen: einmal war die Qualität der Ernte 2025, bis auf einige Ausnahmen, eine der besten der letzten Jahre. Wir konnten in fast allen Sorten bessere Klassifizierungsergebnisse feststellen. Auch das Pack-out, also der Anteil der Ernte, der bis zuletzt am Frischmarkt abgesetzt wird, war bei der integrierten Produktion besser als in den Vorjahren. Die Kosten für Reklamationen und Abschriften waren ebenfalls unterdurchschnittlich. Dem gegenüber stand eine durchwachsene Vermarktungssaison: Unsere Kernmärkte im IP-Bereich wie Italien, der gesamte Mittelmeerraum funktionierte einwandfrei. Ebenso die Absätze in den skandinavischen Märkten und in Richtung Großbritannien. Außerhalb Europas konnten wir die Fehlernte in der Türkei geschickt nutzen. Negativ zur Kenntnis zu nehmen war der für Gesamteuropa wichtige Absatzmarkt Deutschland. Dies wirkt sich vor allem bei der integrierten Produktion auf die Ergebnisse für die Sorten Braeburn, Bonita und zum Teil Pinova aus. Auch für die Bioproduktion im Vinschgau, mit einer Rekordernte im Vorjahr, wirkte sich der schwache Konsum am Hauptabsatzmarkt Deutschland negativ aus. 

Klaus Hölzl: Insgesamt war es eine sehr fordernde Saison, die Marktsituation war je nach Zeitraum und Zielmarkt sehr unterschiedlich. Unser Hauptmarkt Italien hat – ebenso wie Spanien – über die gesamte Saison recht gut funktioniert. Bis Ende März auch der Export außerhalb der EU. Dadurch konnten wir Sorten wie Gala ordentlich verkaufen und gute Preise erzielen. In Mittel- und Nordeuropa war die Situation hingegen die ganze Saison über schwierig, vor allem in unserem wichtigsten Exportmarkt Deutschland und in den Benelux-Ländern. Auch in Skandinavien und Großbritannien waren die Marktverhältnisse nicht einfach. Ab April hat sich das ganze aufgrund der geopolitischen Situation, den Preissteigerungen und der allgemeinen Unsicherheit noch einmal verschärft. Da Zentral- und Nordeuropa für den Absatz von Bio-Äpfeln sehr wichtige Märkte sind, hat sich das dortige Marktumfeld auch deutlich auf unsere Bio-Verkäufe ausgewirkt. Rückblickend lässt sich die Saison nicht pauschal als ,gut‘ oder ,schlecht‘ zusammenfassen. Es gibt Sorten, die gut gelaufen sind; andere, die mit einem blauen Auge davongekommen sind, und wieder andere, die stark unter dem Marktumfeld gelitten haben.

Eine gute Verkaufssaison misst sich für Bäuerinnen und Bauern letztlich am Auszahlungspreis. Was können Sie heute bereits darüber sagen, was von der vergangenen Saison bei den Produzenten ankommen wird?
Martin Pinzger:
Unsere Erlösprognose im vergangenen Herbst, mit einem kleinen Ernterückgang gegenüber dem Vorjahr bei der integrierten Produktion von drei Prozent und einem Plus von 13 Prozent bei Bio, war ein Erreichen  der durchschnittlichen Hektarerlöse des Vorjahres für beide Anbauweisen. Laut heutiger Einschätzung sollten wir damit weiterhin richtig liegen. Bei stark steigenden Produktionskosten muss ich allerdings bemerken, dass eine stabile Erlössituation für unsere Produzenten dauerhaft jedoch nicht befriedigend sein kann.

Klaus Hölzl: Auch beim Auszahlungspreis wird sich ein sehr uneinheitliches Bild zeigen. Einige Sorten werden das Vorjahresniveau halten oder sogar leicht übertreffen können, bei anderen wird der Auszahlungspreis sicher darunter liegen.

Die Prognosfruit erwartet heuer EU-weit nur rund 9,5 Millionen Tonnen Äpfel – knapp 16 Prozent weniger als im Vorjahr. Ist das aus Südtiroler Sicht eine echte Marktchance oder wäre es zu einfach zu sagen: weniger Äpfel gleich bessere Preise?
Martin Pinzger:
Unser Ziel für die anstehende Vermarktungssaison ist – vor allem im Hinblick auf die stark gestiegenen Kosten im Anbau und die ständig steigenden klimatischen Risiken auf dem Feld – die vielversprechenden Zahlen der Prognosfruit zu nutzen, um ein gutes Erlösjahr für unsere Produzenten zu erreichen. Es braucht jetzt im Herbst aber etwas Geduld, da die Bestände der Ernte 2025 vollständig geräumt werden müssen und die wenig haltbare Ware der neuen Ernte abgesetzt werden muss.

Klaus Hölzl: Weniger Äpfel in der EU bedeuten nicht automatisch bessere Preise. Die Analyse allein auf die absolute Erntemenge zu reduzieren, wäre zu kurz gegriffen. Entscheidend ist vielmehr, wie viel tatsächlich als Tafelware zur Verfügung steht. Diese Menge schwankt deutlich weniger als die Brutto-Erntemenge. Die Schätzung war heuer wegen der klimatischen Ereignisse besonders schwierig. Aus den einzelnen Anbaugebieten hören wir sehr unterschiedliche Stimmen, sodass sich noch nicht sagen lässt, wie die Mengen am Ende sein werden. Auch Hitze und Trockenheit in den Wochen nach der Prognosfruit werden sich auf die tatsächliche Erntemenge auswirken. Es gibt jedoch sicher weniger Äpfel als im Vorjahr, wodurch sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage über die Saison entsprechend verschieben wird. Unser Ziel ist daher, diese Ausgangslage zu nutzen und die Erlösseite entsprechend zu verbessern. Die Verkaufsmonate bis Weihnachten werden am Markt sehr turbulent werden. So wird alterntige und nicht ausreichend lagerfähige Ware in den Handel drängen und teils auf Märkte treffen, die begrenzt aufnahmefähig sind. In der zweiten Saisonhälfte können sich wegen der geringeren EU-Erntemenge aber durchaus bessere Verkaufsmöglichkeiten ergeben.

Für Südtirol wird eine um rund zwei Prozent kleinere Ernte erwartet. Gleichzeitig werden Fruchtgröße und Qualität insgesamt positiv eingeschätzt. Wie beurteilen Sie die Ernte, die derzeit in den Genossenschaften einläuft?
Martin Pinzger:
Wie immer werden auch heuer wieder das Wetter und die Temperaturen kurz vor und während der Ernte entscheidend für die endgültige Qualität der Ware sein. Bis dato sind wir sehr zufrieden mit den Aussichten auf Menge und Qualität. Unsere Produzenten haben trotz schwierig werdender Rahmen­bedingungen ausgezeichnet gearbeitet.

Klaus Hölzl: Die Schätzung stammt vom Juli und ist inzwischen nicht mehr aktuell. Wir machen laufend Nachschätzungen und haben die Menge bereits entsprechend korrigiert: Bei den Sommersorten wird die Ernte sicher kleiner ausfallen. Gala hat unter den Bedingungen des Sommers mit einer schwächeren Ausfärbung und einem erhöhten Industrieanteil stark gelitten. Auch bei Red Delicious werden wir diesen Sommer qualitativ spüren. Die Herbstsorten kommen mit dem Wetter besser zurecht, aber auch hier können die Kaliber beeinflusst worden sein.

Bei wichtigen Sorten gehen die Mengen zurück: europaweit etwa bei Golden Delicious, Gala, während neue Vertragssorten weiter zulegen. Was bedeutet das für Südtirol?
Martin Pinzger:
Es stimmt, dass die Erntemengen bei Golden Delicious in den letzten Jahren allgemein leicht rückläufig sind. Der Klimawandel und die damit einhergehenden Herausforderungen sorgen vor allem für eine Sorte wie Golden, die für eine gute Qualität ein besonderes Klima erfordert, für eine Verknappung auf der Angebotsseite. Das entspricht jedoch dem leider rückläufigen Konsumverlauf für diese Sorte auf unseren Hauptmärkten. Wir hoffen also, dass auch für das kommende Vermarktungsjahr ein gesundes Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage besteht. Für die Sorte Gala muss aufgrund der Hitzewellen der letzten Wochen abgewartet werden, ob die prognostizierten Erntemengen in den wärmeren Anbaugebieten überhaupt erreicht werden. In diesem Kontext wir das Angebot der vielen neuen Sorten, die in den letzten zehn Jahren angebaut wurden, mengen- und anteilsmäßig noch steigen. Aus Sicht der Südtiroler Apfelwirtschaft werden wir die Nachfrageentwicklung für diese neuen Sorten aufmerksam verfolgen und versuchen, den weiteren Ausbau marktgerecht zu steuern.

Klaus Hölzl: Wir haben im VOG ein breites Sortiment, mit dem wir unseren Partnern zwölf Monate im Jahr den passenden Apfel anbieten können. In Südtirol wurde zuletzt stark in Sorteninnovation investiert, wobei vor allem Vertragssorten stark zugelegt haben. Gleichzeitig haben traditionelle Sorten wie Gala, Golden Delicious, Granny Smith oder Fuji  mit der richtigen Qualität weiterhin ihre Daseinsberechtigung und finden ihren Platz am Markt. Bei den Vertragssorten geht es nun darum, sie entsprechend im Handel zu positionieren. 

Mit welchen Erwartungen gehen Sie konkret in die Vermarktungssaison 2026/27?
Martin Pinzger:
Wir hoffen auf eine gute Menge, Qualität und Haltbarkeit unserer Ernte, damit wir die positiven Rahmen­bedingungen am Markt bestmöglich für unsere Produzenten ausnutzen können.

Klaus Hölzl: Wir gehen mit einer zweigeteilten Erwartungshaltung in die neue Saison: Die ersten Monate werden sicher fordernd, danach erwarten wir eine bessere Entwicklung. Eine große Frage ist, wie sich Mengenabbau und Apfelkonsum in den nächsten Monaten entwickeln. Davon hängt schließlich ab, wie die Rahmenbedingungen in der zweiten Saisonhälfte aussehen werden.

Die Ausgangslage mit geringeren europäischen Mengen klingt günstig. Gleichzeitig bleiben Konsumzurückhaltung, hohe Lebenshaltungskosten und ein starker Preisdruck Realität. Wie viel Spielraum gibt es tatsächlich, höhere Produktionskosten über den Markt abzugelten
Martin Pinzger:
Unsere Vertriebspartner werden sicherlich die angeführten Argumente in den Verhandlungen mitführen. Trotzdem sagt die Logik, dass bei knappem Angebot eine gesunde Erlösverteidigung möglich ist.

Klaus Hölzl: Wir sehen, dass Lebensmittel im internationalen Vergleich unterschiedlich wertgeschätzt werden. Während Konsumenten in Südeuropa eher dazu bereit sind, einen entsprechenden Preis für Lebensmittel zu bezahlen, wirkt in anderen Ländern – z. B. Deutschland – eine starke Preisorientierung dagegen. Das weiß auch der Handel, weshalb es nicht einfach ist, Preissteigerungen durchzusetzen. Wir versuchen aber, den vorhandenen Spielraum bestmöglich zu nutzen. Das gelingt aber nicht in jedem Markt und bei jeder Sorte.

Wetterextreme, Frost, Hagel und steigender Schädlings- und Krankheitsdruck wurden von Prognosfruit als Gefahr für die Versorgung genannt. Sind Äpfel aus verlässlichen Anbaugebieten wie Südtirol dadurch künftig mehr wert?
Martin Pinzger:
Effektiv scheint Südtirol heute zu anderen Gebieten noch ein gesichertes Anbaugebiet für den Apfel zu sein. Wir verwenden als Vinschgau ganz bewusst in unserer Kommunikation den Hinweis „Apfel­paradies“, um nicht zuletzt auch unsere klimatischen Vorteile eines hochgelegenen Anbaugebietes bei fortschreitendem Klima­wandel bei Handel und Konsument anzubringen. Ich bin überzeugt, dass diese Vorteile für unsere Produzenten langfristig erlösstabilisierend sein werden.

Klaus Hölzl: Wir sehen bei unseren Handelspartnern bereits ein Umdenken. Neben Qualität und Preis wird auch die Frage wichtig, wie verlässlich man über einen längeren Zeitraum Mengen und Qualität bereitstellen kann. Als großer Anbieter, der mit Handelsketten langfristige Verkaufsprogramme abstecken kann, sind wir grundsätzlich gut aufgestellt. Man muss aber auch die Grenzen sehen: Der Apfel ist kein Grundnahrungsmittel, weshalb dieser Aspekt anders bewertet wird als bei Grundnahrungsmitteln wie Brot oder Milchprodukten.

Bäuerinnen und Bauern investieren laufend in neue Sorten, Technik und Anpassungen an den Klimawandel. Wo muss aus Ihrer Sicht künftig investiert werden, damit Südtirol wirtschaftlich konkurrenzfähig bleibt – und wo darf man den Produzentinnen und Produzenten nicht noch mehr Kosten aufbürden?
Martin Pinzger:
In den letzten Jahren wurde sehr viel Geld in diese investiert. Es gilt nun vor allem zu konsolidieren. Wegen der sehr hohen laufenden Kosten muss grundsätzlich jede Investition samt Finanzierung gut bedacht werden. Kurzfristig sehe ich den Schwerpunkt eher in Infrastrukturen wie Hagel-/Sonnenschutz, Tropf-/Frostbewässerung. Natürlich ist auch eine ständige Anlagenerneuerung im Auge zu behalten. Bei der Sortenerneuerung sind wir auf einem guten Punkt, hier steht eine Phase der Konsolidierung an: Gerechtfertigt sind hier nur  Projekte, die auch wirklich erlöstechnisch für die Produzenten funktionieren.

Klaus Hölzl: Der heurige Sommer zeigt sehr deutlich, dass Anpassungen an den Klimawandel notwendig sind. Unsere Produzenten haben in den vergangenen Jahren bereits sehr viel investiert und sind damit auch im internationalen Vergleich in vielen Bereichen in Vorleistung gegangen. Dadurch sind wir heute in einer guten Position. Es ist aber sicher notwendig, in diesen Bereichen weiterhin vorausschauend zu investieren, um diese Position zu halten.

Wenn Sie heute einem Südtiroler Obstbaubetrieb sagen müssten, was ihn in der Saison 2026/27 erwartet: Gibt es aus Marktsicht berechtigten Grund zu Optimismus – und welches ist das größte Risiko, das Sie sehen?
Martin Pinzger:
Ohne Wenn und Aber muss der Optimismus für die Vermarktungssaison 2026/27 überwiegen. Der Markt wird uns helfen; die Menge und Qualität werden wie immer über den Erlöserfolg mitentscheiden.

Klaus Hölzl: Es gibt durchaus Grund für vorsichtigen Optimismus. Vor allem für haltbare Ware in der zweiten Saisonhälfte stehen die Chancen gut. Im Moment ist die Stimmung überschaubar, wir sind aber zuversichtlich, dass sich die Saison positiv entwickelt. 

Renata Anna Rubner

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